Astrophysikalischer Kosmopolitismus nach Carl Sagan

Kosmos ist im Altgriechischen ein äußerst polysemischer Begriff, der sich in seinen Bedeutungen nur sehr begrenzt ins moderne Deutsch übersetzen lässt, da er sehr eng mit der Lebenswelt und dem Denken der alten Griechen verbunden war. Am nächsten kommt man ihm mit dem Begriff der „Weltordnung“. Dementsprechend ist die Antwort des Zynikers Diogenes auf die Frage, wer er sei, dass er sich als kosmopolites begreife, so zu verstehen, dass er sich damit als Bürger der Welt zu erkennen geben wollte. Die „Welt“ war freilich für einen Griechen wie Diogenes von Sinope, der im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, sehr viel kleiner, als sie es für einen Menschen des 21. Jahrhunderts ist.
Kosmos bezeichnete für jemanden wie Diogenes wahrscheinlich den Versuch, die Gesamtheit der ihm bekannten Welt in einem Wort zu fassen, während wir heute mit dem Begriff unser Wissen um ein unendliches Universum markieren, das wir zwar nur teilweise „sehen“ können, von dem wir aber wissen, dass unsere „Welt“ darin nur eine von unendlichen anderen „Welten“ ist.
Dieses Wissen um ein unendliches Universum, in dem wir und unsere Erde in keiner Weise eine herausgehobene, sondern eine vollkommen willkürliche Position einnehmen, sollte grundsätzliche Konsequenzen dafür haben, wie wir uns als Menschen selbst wahrnehmen und empfinden. Am besten verdeutlicht dies das Beispiel der Voyager-Mission. Die Ursprünge dieses Programms reichen bis in die 1960er Jahre zurück. 1977 schickte die NASA schließlich die beiden Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins All. Das erste und unmittelbare Missionsziel der beiden Raumsonden bestand zunächst in der genaueren Untersuchung und Datensammlung über die Zusammensetzung der Atmosphäre des Jupiter und des Saturn sowie von deren Monden. In eine zweite Phase trat das Projekt jedoch ein, als sich die Raumsonden im Jahr 1990 – 13 Jahre nach ihrem Start von der Erde – dazu anschickten, unser Sonnensystem zu verlassen, um dem interstellaren Raum überlassen zu werden mit dem Ziel, solange wie möglich Daten an die Erde zurückzusenden – was sie noch immer tun. Größere und breitere Bekanntheit ergatterten die Voyager-Sonden aber vor allem dadurch, dass sie beide eine goldene Platte mit sich führen, die Bild- und Audiodaten unserer Geschichte enthalten, um im Falle des Falles als Lebenszeichen der Spezies Mensch zu dienen, sollten die Sonden jemals von anderen Lebewesen aufgefangen werden.
Als sich die Sonden nun aber 1990 dabei befanden, das Sonnensystem zu verlassen, überredete der amerikanische Astrophysiker Carl Sagan, der an dem Programm mitwirkte, die Missionsleitung dazu, Voyager 1 noch einmal um 180 Grad zu drehen, um aus der Entfernung von ca. 6 Milliarden Kilometern ein Foto von unserem Planeten zu machen. Dieses Foto ist unter dem Namen „pale blue dot“ bekannt geworden, denn die Erde, das ist der winzig kleine, kaum erkennbare blaue Punkt, der in einem Meer von Dunkelheit von einem blassen Sonnenstrahl erhellt wird, und der genauso gut nichts weiter als eine optische Unreinheit in der Aufnahme sein könnte:

1994 veröffentlichte Sagan darauf ein Buch, in dem er sich mit der Bedeutung dieses „pale blue dot“ für unser Denken auseinandersetzte. Im ersten Kapitel fasste er diese folgendermaßen zusammen:
„Look again at that dot. That’s here. That’s home. That’s us. On it everyone you love, everyone you know, everyone you ever heard of, every human being who ever was, lived out their lives. The aggregate of our joy and suffering, thousands of confident religions, ideologies, and economic doctrines, every hunter and forager, every hero and coward, every creator and destroyer of civilization, every king and peasant, every young couple in love, every mother and father, hopeful child, inventor and explorer, every teacher of morals, every corrupt politician, every „superstar,“ every „supreme leader,“ every saint and sinner in the history of our species lived there–on a mote of dust suspended in a sunbeam.
The Earth is a very small stage in a vast cosmic arena. Think of the rivers of blood spilled by all those generals and emperors so that, in glory and triumph, they could become the momentary masters of a fraction of a dot. Think of the endless cruelties visited by the inhabitants of one corner of this pixel on the scarcely distinguishable inhabitants of some other corner, how frequent their misunderstandings, how eager they are to kill one another, how fervent their hatreds.
Our posturings, our imagined self-importance, the delusion that we have some privileged position in the Universe, are challenged by this point of pale light. Our planet is a lonely speck in the great enveloping cosmic dark. In our obscurity, in all this vastness, there is no hint that help will come from elsewhere to save us from ourselves.
The Earth is the only world known so far to harbor life. There is nowhere else, at least in the near future, to which our species could migrate. Visit, yes. Settle, not yet. Like it or not, for the moment the Earth is where we make our stand.
It has been said that astronomy is a humbling and character-building experience. There is perhaps no better demonstration of the folly of human conceits than this distant image of our tiny world. To me, it underscores our responsibility to deal more kindly with one another, and to preserve and cherish the pale blue dot, the only home we’ve ever known.“
(Zitiert aus: Sagan, Carl: Pale Blue Dot. A Vision of the Human Future in Space, New York 1994, S. 6-7.)
Diese Beschreibung Sagans basiert auf der Einnahme einer tatsächlich kosmischen Perspektive. Ausgehend von dieser Perspektive steht im Zentrum von Sagans Überlegungen die Erkenntnis der absoluten Bedeutungslosigkeit des menschlichen Daseins. Im Zusammenhang des „pale-blue-dot“-Fotos und der darauf abgebildeten kosmischen Perspektive ist die Existenz eines winzigen blassen Flecks vollkommen ohne Belang, sein Fehlen würde den Gesamteindruck nicht im geringsten verändern. Entsprechend spielt aus der Perspektive des Universums die Existenz des Planeten Erde und all seiner Bewohner/innen ebenfalls keine Rolle.
Ausgehend von dieser Perspektive könnte man nun in zwei Richtungen weiterdenken. Der eine Weg wäre der nihilistische: Wenn unsere Existenz für das große Ganze bedeutungslos ist, warum sollte sie es dann für uns sein und warum sollten wir dem einzelnen Leben überhaupt irgendeinen Wert zumessen? Der andere Weg wäre aber das genaue Gegenteil, wenn man so will ein konstruktivistischer: Wenn unsere Existenz für das große Ganze bedeutungslos ist, es keinen „Sinn“ des menschlichen Daseins gibt (die Glaubensfrage, die an dieser Stelle gestellt werden müsste, sei hier aus praktischen Gründen einmal ausgegrenzt), dann bleibt die Aufgabe der Sinnstiftung uns selbst überlassen. Aus der Erkenntnis unserer Bedeutungslosigkeit folgt gerade nicht der Schluss, dass dem einzelnen Leben kein Wert beigemessen kann, sondern das genaue Gegenteil. Gerade aufgrund der Irrelevanz unseres Daseins werden das Leben und die Würde der/des Einzelnen zum höchsten und wertvollsten Gut.
Diesen zweiten Weg geht auch Sagan selbst und impliziert damit eine Form des Kosmopolitismus, die aus seiner kosmischen Perspektive entsteht. Seine Relativierung zwischenmenschlicher Konflikte – Kriege, Eroberungen, Glaubenskonflikte –, die aus der Entfernung von 6. Milliarden Kilometern nicht anders als als absurde Plänkeleien nicht unterscheidbarer Kreaturen um einen nicht bestimmbaren Bruchteil eines kaum sichtbaren Punktes erscheinen können, ist ein Plädoyer für ein Menschenbild, das nichts anderes als Mitglieder der Spezies Mensch bzw. in anderen Worten nichts anderes als Weltbürger kennt. Sagans komische Perspektive ist damit auf einer grundsätzlich-philosophischen Ebene kosmopolitisch.
Zugleich deutet sich in seinen Ausführungen aber auch ein Bewusstsein für die pragmatische Dimension des Kosmopolitismus an, das sich anhand seiner restlichen Karriere bestätigen lässt. Denn Sagan gehörte zu den Wissenschaftlern, die bereits vor mehreren Jahrzehnten vor dem Phänomen des menschengemachten Klimawandels warnten. In seinen Vorträgen und Vorlesungen ging er immer wieder darauf ein – damals unter dem Stichwort „global warming“. So auch hier, wenn er davon schreibt, dass wir angesichts unserer kosmischen Bedeutungslosigkeit auf uns selbst gestellt seien und die Erhaltung unseres blassen blauen Punktes im All von niemandem außer uns gewährleistet werden könne. Aus diesen Bemerkungen lässt sich das Bewusstsein dafür herauslesen, dass wir (als Bürger dieser Welt) inzwischen vor so globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel stehen, die sich nur durch ein gemeinsames Handel der Menschheit bewältigen lassen, also ausschließlich in einem kosmopolitisch definierten Rahmen.
Problematisch an Sagans Ausführungen ist im Endeffekt nur eines, nämlich dass sie sich größtenteils als realitätsfern erwiesen hat. Denn die allgemeine Integrationswirkung, von der Sagan hier träumt, hat das Wissen um unseren Platz im kosmischen Ganzen nicht entfalten können, zum einen, weil dieses Wissen nur eine sehr bedingte Breitenwirkung entwickeln konnte, und zum anderen aber vor allem, weil seine kosmische Perspektive für unser alltägliches Leben irrelevant bzw. zu einem gewissen Teil sogar damit inkompatibel ist. Es ist eine Sache, ein passives Wissen darüber zu besitzen, aber eine ganz andere, dieses aktiv in das eigene Denken und Handeln zu übersetzen.